Fünfte Woche 2017

Fünfte Woche:  Nicht sofort lospoltern (Epheser 4,26–32)

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. [...]. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. [...]. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Liebe Freundinnen und Freunde des freiwilligen Verzichts,

die fünfte Woche der Passionszeit ist da. Wir hatten bereits viele Gelegenheiten, uns für Entscheidungen Zeit zu lassen, uns in Geduld zu üben und nach dem wirklich guten Teil zu suchen, das wir gern hätten. In dieser Woche können wir uns einer weiteren Herausforderung stellen: Verzichten wir auf „gerechten Zorn“. Wer sich jemals ungerecht behandelt fühlte, wer ohne Grund beleidigt wurde oder wem etwas Liebes weggenommen wurde, kennt dieses Gefühl des gerechten Zorns. Das Unrecht „schreit zum Himmel“, und man möchte mitschreien. Man möchte toben und den zugefügten Schmerz loswerden. Jeder vernünftige Mensch wird mittlerweile sagen, dass dies der richtige Weg ist: „Wenn dir etwas wirklich Arges zugestoßen ist, dann friss es nicht in dich herein, sondern spuck es aus, mach dich frei davon. Andernfalls wirst du krank werden.“

Leider kommt es bei dieser Haltung darauf an, das richtige Maß zu halten, und das gelingt immer weniger Menschen. Das Problem beginnt mit der Wahrnehmung des vermeintlich Argen, das einem angetan wird. Wer von sich behauptet, ungerecht behandelt zu werden, beschreibt in den meisten Fällen keine Tatsache, die er oder sie nachgeprüft hätte, sondern ein Gefühl, das häufig dem Neid entspringt. Außerdem schwindet die Zurückhaltung dabei, in welchem Maße viele Menschen ihrem Ärger Luft machen. Internet und soziale Medien tragen ebenfalls dazu bei. Es ist ausgesprochen einfach, die eigene Empörung über etwas loszuwerden, indem man schnell einen Kommentar unter einen Artikel oder unter eine Facebooknachricht setzt. Dann ist man den Ärger zunächst einmal los. Zumindest so lange, bis jemand sich erdreistet, auf den Kommentar wiederum kritisch zu reagieren. Und wenn man sich im Ausdruck selbst noch zurückgehalten hat, so wird doch bald jemand kommen, der sich gründlich in der Wortwahl vergreift.

Paulus, der uns den Text für diese Woche geschrieben hat, nennt das „dem Teufel Raum geben“. Das ist ein vortreffliches Bild, wie ich meine. Wenn ich mich in den Kommentaren im Internet umschaue, sehe ich die Fratze des Teufels nur allzu deutlich vor mir. Meinungsverschiedenheiten werden zu Fragen von Leben und Tod aufgebauscht, Gegnern wird Übelstes gewünscht. Besonders gern wird verlangt, der andere solle sich schämen. Eigene Schamgrenzen werden aber mit großer Leichtigkeit übersprungen. Hier kann sich der Teufel austoben. Er kann die menschlichen Schwächen ausnutzen, um jede gegen jeden aufzuhetzen. Aus Missverständnissen macht er Fehden, aus Meinungsverschiedenheiten macht er Kriege.

Paulus scheint unter dem Gezänk in Ephesus ähnlich zu leiden. Man kann förmlich sehen, wie er die Nase rümpft über das „faule Geschwätz“ seiner Brüder und Schwestern. Anstelle einander aufzubauen und zu ermahnen, wird anscheinend in Ephesus losgepoltert. „Der Heilige Geist wird durch solche Reden betrübt“, schreibt er. „Euch wurde doch auch vergeben, also vergebt ihr einander auch anstatt zu schreien und zu lästern!“

Als Fastenübung für diese Woche schlage ich darum das Folgende vor: Halten Sie sich absichtlich und mehr noch als sonst mit Kritik zurück! Damit meine ich solche Kritik, die vor allem dazu da ist, Ihnen Luft zu machen. Ringen Sie mit sich selbst, wenn Sie der Meinung sind, Sie müssten unbedingt etwas richtigstellen. Ringen Sie so lange, bis Sie ein Lächeln zustande bekommen und sei es auch etwas gequält. Wenn es Ihnen hilft, stellen Sie sich vor, dass die Person, über die Sie sich ärgern, zusehen muss, wie Sie lächeln. Geben Sie acht, dass Sie nicht in die Ironiefalle tappen. Üben Sie also auch keine versteckte Kritik. Das wäre, als ob Sie anstelle von Fleisch nur Fisch essen wollten, und Biber kurzerhand zu Fischen erklärten, weil die schließlich auch im Wasser leben.

Ich wünsche Ihnen eine Woche mit besonders freundlichem Umgang!

Ihr Frank Muchlinsky

 

Frank Muchlinsky ist Pastor der Nordkirche. Er hat viele Jahre in der Erwachsenenbildung und in der Diakonie gearbeitet. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Glaube und Theologie erfahrbar und verständlich zu machen. Das tut er in seinen Seminaren mit Erziehungsfachkräften an evangelischen Kitas ebenso wie mit der Methode des "Bibliologs", die er seit 1999 anwendet und lehrt. Seit 2012 arbeitet er bei evangelisch.de.

 

   

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